Vorwort
Dieses Buch beginnt mit einer kleinen Irritation: Dreißig Cent mehr pro Liter finden innerhalb weniger Sekunden einen Platz in Martins Leben. Die Nachricht, dass rund eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind, verschwindet dagegen nach vier Sekunden von seinem Bildschirm.
Martin hat sie verstanden. Und er hat bereits eine Antwort:
Kann ich nichts machen.
Der Satz bedeutet nicht, dass ihn die Nachricht nicht erreicht hat. Er zeigt, wie er ihr begegnet. Vielleicht kennst du ähnliche Antworten: zu groß, zu weit weg, längst alles versucht, andere tun auch nichts. Mit der Zeit können daraus feste Beschlüsse werden. Man schaut kürzer hin, wehrt weiteren Druck ab oder möchte vom nächsten Appell nichts mehr hören.
30 Cent untersucht, wie solche Antworten entstehen – und ob sie die einzigen bleiben müssen. Was verändert sich, wenn ein Mensch nicht noch einmal belehrt, beschämt oder zu einer richtigen Antwort gedrängt wird? Was braucht es, damit der eigene Handlungsspielraum wieder sichtbar wird? Und wie kann aus dem, was ein Mensch beginnen kann, etwas Gemeinsames entstehen?
Der Weg dorthin führt von einer Tankstelle zu einem Eisbären, von einem Fliegenpilz zu einer Schulklasse, von einer einzelnen Geschichte zu weltweiten Zahlen und von einer persönlichen Reaktion zu gemeinsamer Wirksamkeit. Die Figuren tragen den Weg. Die wissenschaftlichen Grundlagen werden im Anhang sichtbar gemacht. Sie bilden den Boden der Erzählung.
Nach der Lektüre sollst du nicht mit einer weiteren Liste moralischer Pflichten zurückbleiben. Du wirst klarer erkennen können, wie Menschen großen Nachrichten begegnen, warum aus Sorge Rückzug oder Gegendruck werden kann und weshalb guter Wille allein manchmal nicht genügt. Vor allem wirst du Möglichkeiten kennenlernen, durch die aus einem scheinbar endgültigen Kann ich nichts machen wieder eine offene Frage werden kann:
Was kann ich tun – und was können wir gemeinsam möglich machen?
Dreißig Cent und ein Eisbär
Die Tankstelle
Es ist ein Dienstagmorgen im November, 7:43 Uhr.
Vor den Zapfsäulen riecht es nach Benzin und nassem Asphalt. Von einer Regenrinne tropft Wasser auf ein Blechdach. Auf der Schnellstraße zieht ein Lkw vorbei. Der Luftzug erreicht die Tankstelle eine Sekunde nach dem Geräusch.
Martin steht an Zapfsäule drei. Den grauen Thermobecher hat er auf das Autodach gestellt. An einer Seite ist er leicht verbeult. Geöffnet hat er ihn noch nicht. Das vergisst er manchmal, wenn er mit den Gedanken schon bei der nächsten Sache ist. Jetzt schaut er auf die Anzeige.
2,14 Euro.
Er schaut ein zweites Mal. Die Zahl ist noch da.
1,84 Euro kennt er. So viel hat der Liter zuletzt gekostet. Nicht wenig, aber eine Zahl, die ihren Platz im Monat gefunden hatte. 2,14 Euro hat noch keinen Platz.
Martin nimmt die Zapfpistole aus der Halterung. Seine Schultern ziehen sich ein wenig nach oben. Das Klicken beim Einrasten hört er sonst kaum. Heute hört er es. Er legt die Finger um den Hebel. Die Pumpe beginnt zu surren.
3,20.
6,40.
9,60.
Martin rechnet. Nicht lange.
Die Rechnung ist einfach. Siebzig Liter. Dreißig Cent mehr. Einundzwanzig Euro. Viermal tanken im Monat, denkt Martin. Viermal einundzwanzig. Vierundachtzig Euro.
Aus vierundachtzig Euro mehr an der Tankstelle werden vierundachtzig Euro weniger im Monatsbudget. Martin rechnet direkt weiter: mit Lenas Fußballtraining, den Schuhen, die sie im Frühjahr braucht, und der Waschmaschine, die seit zwei Wochen beim Schleudern ein neues Geräusch macht.
Martin hebt den Blick von der Anzeige.
An Zapfsäule vier tankt ein Mann einen älteren Kombi. Auf der Heckscheibe klebt ein verblichenes Zeichen des Alpenvereins. Der Mann sieht auf die laufende Summe und schüttelt langsam den Kopf.
»Die machen doch, was sie wollen«, sagt er. Er sagt es nicht direkt zu Martin. Eher zur Zapfsäule, zum Preis oder zu sich selbst. Martin weiß nicht genau, wen er mit die meint. Trotzdem versteht er den Satz sofort. Für einen Moment stehen mehrere mögliche Schuldige zwischen den beiden Autos. Keiner wird ausgesprochen. Es genügt, dass es sie offenbar gibt.
Martin drückt den Hebel fester.
42,00 Euro.
63,00 Euro.
Er fragt sich, wer diesen Preis eigentlich festlegt. Ob jemand heute Morgen an einem Tisch gesessen und entschieden hat, dass es jetzt dreißig Cent mehr sind. Der Gedanke hält nicht lange genug, um beantwortet zu werden. Doch der Ärger ist schon da.
Am Rand des Parkplatzes öffnet eine Frau die hintere Tür eines Kleinwagens. Ein Kind in gelber Regenjacke klettert auf die Rückbank. Die Frau zieht ihm den Gurt über die Schulter und sagt etwas, das Martin nicht versteht.
Er schaut wieder auf die Anzeige. Die Zahlen laufen. Seine Schultern sind höher als am Anfang. Er lässt sie sinken. Für einen Moment gelingt es. Dann sieht er den Preis an der Säule wieder.
2,14 Euro.
Der Hebel springt zurück.
149,80 Euro.
Martin hängt die Zapfpistole zurück und bezahlt. Die Karte. Die PIN, die er seit Jahren tippt. Das Piepen des Geräts. Die Karte zurück ins Portemonnaie.
Der Mann am Kombi schraubt seinen Tankdeckel zu. Noch einmal schüttelt er den Kopf.
Martin nimmt den Thermobecher vom Dach und steigt ein. Jetzt erst gönnt er sich einen schnellen Schluck warmen Kaffee.
Bevor er den Motor startet, rechnet er noch einmal.
Vierundachtzig Euro im Monat.
Die Zahl hat längst aufgehört, nur an der Zapfsäule zu stehen.
Eine Zahl mit Adresse
Die Tankstelle ist Martins Ort.
Die eigene Zahl kann an einem anderen Ort stehen. Unten auf einer Rechnung. In einem Brief mit einer Mieterhöhung. Auf dem Display einer Kasse, wenn die Summe höher ist als erwartet.
Solche Zahlen bleiben nicht lange Zeichen auf Papier oder Glas. Noch während man sie liest, beginnen sie, sich mit etwas zu verbinden: mit einem Plan, einem Spielraum, einem Menschen, für den man sorgen möchte.
Eine Zahl kann so innerhalb weniger Sekunden eine Adresse finden.
Nicht die Zapfsäule ist das Gemeinsame. Es ist diese Geschwindigkeit.
Vielleicht kennst du diese Geschwindigkeit. Eine Zahl verändert sich – und beginnt noch während du sie liest, in deinem Leben weiterzurechnen. Manchmal kommt noch etwas hinzu: Die Zahl bekommt einen Absender. Wer hat sie erhöht? Wer profitiert? Wer hätte es verhindern können? Aus der Rechnung kann das Gefühl entstehen, dass andere in dein Leben hineinentscheiden. Und daraus ein Satz:
Die machen doch, was sie wollen.
Der Satz kann empört klingen. Oder müde. Manchmal klingt er nach beidem.
Der Abend auf dem Sofa
Um 21:17 Uhr liegt Martin auf dem Sofa.
Er kennt die Uhrzeit, weil sie oben auf seinem Handy steht. Das Haus ist ruhig. Lena schläft seit einer Stunde. Sabine, seine Frau, liest im Schlafzimmer; unter der Tür liegt ein schmaler Streifen Licht. Irgendwo läuft die Heizung. In den Rohren rauscht es leise, ein Geräusch, das nur auffällt, wenn sonst nichts zu hören ist.
Martin scrollt.
Eine Wetterkarte. Ein Hund, der durch nasses Laub rennt. Eine Nachrichtensprecherin sitzt an einem Glastisch. Hinter ihr läuft eine Schriftzeile, die Martin nicht zu Ende liest.
Dann erscheint ein Eisbär.
Keine Musik. Nur Wind und das Knarren von Eis.
Der Bär sitzt auf einer grauweißen Scholle. Hinter ihm bewegt sich dunkles Wasser. Die Aufnahme ist nah genug, dass Martin das Fell am Hals erkennen kann, und weit genug, dass der Bär klein in der Fläche bleibt.
Unter dem Video steht:
Eisbären nutzen das Meereis als Plattform, von der aus sie Robben jagen.
Darunter folgt ein zweiter Satz:
Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht.
Martin hält inne.
Sein Daumen liegt auf dem Bildschirm. Drei Sekunden vielleicht. Oder vier.
Er sieht noch einmal zum Bären. Etwas an dem Bild ist stiller als der Wind, der aus dem Lautsprecher kommt. Martin spürt eine Schwere, nicht groß und nicht genau zuzuordnen. Eher eine kurze Frage, für die noch keine Worte da sind.
Eine Million.
Er versucht, sich die Zahl vorzustellen. Es entsteht kein Bild. Der Eisbär bleibt allein. Hinter ihm stehen keine Million Arten. Dort ist nur Wasser.
Martin wischt weiter.
Als Nächstes kommt ein Rezept für Linsensuppe. Eine Hand schneidet Möhren, eine andere gibt Ingwer in einen Topf. Martin schaut, wie viel davon verwendet wird. Es sieht nach zu viel aus.
Noch ein Wischen.
Ein Ausschnitt aus einer Talkshow. Werbung für Kopfhörer. Ein Tor aus einem Fußballspiel vom Wochenende. Der Eisbär ist nicht mehr auf dem Bildschirm.
Nach einer Weile legt Martin das Handy auf seinen Bauch und schaut an die Decke. In der linken Ecke verläuft ein kleiner Riss. Er sieht ihn seit zwei Jahren. Seit zwei Jahren will er ihn ausbessern.
In den Rohren rauscht es.
Martin denkt an die Tankstelle.
An 2,14 Euro. An Vierundachtzig Euro. An die Waschmaschine. An Lena und die Fußballschuhe.
Dann an den Mann vom Kombi. Die machen doch, was sie wollen. Der Satz ist noch da. Martin könnte ihn wiederholen. Er wüsste noch immer nicht genau, wer gemeint ist, aber der Ärger hätte eine Richtung.
Beim Eisbären ist es anders.
Martin weiß, worauf der Beitrag verweist: Klimawandel, schwindendes Meereis, ein Lebensraum, der sich verändert. Er hat davon nicht zum ersten Mal gelesen. Aber als er versucht, dorthin zurückzugehen, findet er vor allem das Bild: grauweißes Eis, dunkles Wasser, ein Tier im Wind.
Wer hat das gemacht? Die Frage findet keinen Einzelnen. Was müsste jetzt geschehen?
Auch darauf erscheint nichts, das in diesen Abend passt.
Der Gedanke, der schließlich auftaucht, ist kaum länger als das Video:
Kann ich nichts machen.
Morgen ist Mittwoch. Um neun beginnt eine Besprechung. Lena muss um halb acht los. Die Waschmaschine wird bis zum Wochenende durchhalten müssen.
Der Eisbär ist weg.
Die dreißig Cent sind noch da.
Beide Nachrichten haben Martin erreicht. Die dreißig Cent rechnen in seinem Leben weiter. Die Million bedrohten Arten landet in einem Satz, den er kaum bemerkt.
Wie ist diese Antwort so schnell entstanden?
Die Antwort ist älter als der Abend
Der Satz war schon da
Kann ich nichts machen.
Der Satz war am Abend schnell da. Entstanden war diese Antwort nicht erst an diesem Abend.
Mit Antwort ist hier nicht nur etwas gemeint, das ein Mensch sagt. Eine Nachricht erreicht ihn – und etwas beginnt: Gedanken tauchen auf, Gefühle, Erinnerungen und körperliche Reaktionen. Er sieht hin oder wischt weiter, widerspricht, fragt nach, handelt oder zieht sich zurück. Seine Antwort umfasst, was in ihm geschieht und wie er damit weitergeht.
Martin könnte nicht sagen, wann er zum ersten Mal vom Klimawandel gehört hat. Zu viele Bilder liegen übereinander. Ein Gletscher, der sich zurückzieht. Ein Waldbrand hinter einer Nachrichtensprecherin. Wasser in einer Straße, in der sonst Autos stehen. Später der Eisbär auf der Scholle.
Aus diesen Bildern allein entstand Martins Antwort noch nicht. Entscheidend war, was in den folgenden Jahren hinzukam.
Auch vom Verlust der Arten wusste er längst. Bienen. Vögel. Korallen. Tiere, deren Namen er kurz gelesen und wieder vergessen hatte. Manches war weit entfernt gewesen, anderes plötzlich vor der eigenen Haustür.
Am Anfang hatte jede dieser Nachrichten noch für sich gestanden. Mit den Jahren waren sie zusammengerückt. Aus einzelnen Meldungen wurde eine Entwicklung. Aus der Entwicklung wurde Dringlichkeit.
Und immer häufiger stand neben der Nachricht eine Frage: Was tust du?
Martin hatte Müll getrennt, Pfandflaschen zurückgebracht und beim Kauf des nächsten Kühlschranks auf den Stromverbrauch geachtet. Er hatte seltener Fleisch gekauft, jedenfalls eine Zeit lang. Mit Sabine hatte er darüber gesprochen, ob sie im Sommer mit der Bahn fahren könnten. Dann waren die Tickets teuer gewesen, die Verbindung umständlich und die Urlaubswoche kurz.
Nichts davon war nichts. Aber nichts davon fühlte sich groß genug an für die Bilder, die weiterkamen.
Wenn die Nachricht schon bekannt ist
Die Nachrichten wurden genauer. Die Aufforderungen auch.
Fahr weniger. Kauf anders ein. Iss anders. Flieg nicht. Spende. Wähle. Unterschreibe. Wechsle den Stromanbieter. Sprich darüber. Warte nicht darauf, dass andere anfangen.
Dann kamen die Einwände.
Eine einzelne Entscheidung verändere zu wenig. Konsum allein werde das Problem nicht lösen. Entscheidend seien Unternehmen, Gesetze und internationale Abkommen. Aber auch die Politik werde sich erst bewegen, wenn genügend Menschen ihren Alltag änderten und Druck machten.
Martin verstand an fast jedem dieser Sätze etwas. Zusammen ergaben sie trotzdem keinen Weg.
Was er selbst tat, erschien zu klein. Was gemeinsam geschehen musste, lag nicht in seiner Hand. Was politisch entschieden wurde, schien weit entfernt. Und zu beinahe jeder Möglichkeit fand sich jemand, der erklären konnte, weshalb gerade sie nicht genügte.
Und dann waren da die anderen.
Martin sah Menschen, die sich bemühten, und andere, die weitermachten wie zuvor. Er las von neuen Regeln hier und steigenden Emissionen anderswo. Manchmal genügte schon eine weggeworfene Flasche am Rand eines Feldwegs für den Gedanken:
Warum soll ausgerechnet ich mich einschränken, wenn andere es nicht tun?
Damit bekam seine Frage eine zweite Seite. Es ging nicht mehr nur darum, ob sein Beitrag etwas bewirken konnte. Es ging auch darum, ob die Anstrengung gerecht verteilt war.
Ein eigener Schritt erschien noch kleiner, wenn andere scheinbar keinen machten. Und eine Aufforderung fühlte sich schnell ungerecht an, wenn sie immer wieder diejenigen erreichte, die ohnehin schon zuhörten.
Irgendwann kam eine neue Nachricht deshalb nicht mehr allein bei Martin an. Mit ihr kehrten frühere Appelle, unerledigte Vorsätze, Zweifel an ihrer Wirkung und der Gedanke an all jene zurück, die scheinbar nichts taten.
Ein Bericht über einen schwindenden Lebensraum zeigte Martin, was dort geschah – und erinnerte ihn zugleich an die vielen Male, in denen er schon verstanden und trotzdem nichts verändert hatte. Ein Spendenaufruf bat um fünf Euro. Doch mit der Bitte waren sofort die alten Fragen da: Kam das Geld wirklich an? War ein anderer Zweck dringlicher? Und warum sollte ausgerechnet sein kleiner Beitrag auf eine Aufgabe antworten, die weit über seinen eigenen Handlungsspielraum hinausging?
Noch bevor Martin einen Beitrag zu Ende gelesen hatte, kannte er das Gefühl, das am Ende auf ihn warten könnte.
Zu groß.
Zu viel.
Wieder ich.
Das alles musste er nicht jedes Mal bewusst denken. Die ersten Wörter, ein Bild oder eine vertraute Zahl konnten genügen. Die Nachricht war neu. Seine Antwort darauf war vorbereitet.
Vielleicht kennst du eine solche Stelle. Ein Thema erscheint, und noch bevor du genauer hinsiehst, weißt du scheinbar schon, was von dir verlangt wird – und warum es wieder nicht reichen wird.
Vom Können zum Wollen
Kann ich nichts machen kann eine nüchterne Grenze benennen. Kein einzelner Mensch kann ein weltweites Problem allein lösen. Martin kann kein Abkommen beschließen, keine Lieferkette kontrollieren und keinen Lebensraum schützen, dessen Namen er nicht kennt.
Der Satz kann aber größer werden als diese wirkliche Grenze.
Dann bedeutet er nicht mehr: Diesen Teil kann ich nicht beeinflussen. Er bedeutet: Hier gibt es für mich überhaupt keinen sinnvollen Platz.
Damit ist für einen Moment Ruhe.
Martin muss nicht mehr prüfen, welche Möglichkeit zu seinem Leben passen könnte oder wem er vertraut. Vor allem muss er sich nicht wieder an einer Aufgabe messen lassen, die kein Einzelner erfüllen kann.
Je häufiger eine Botschaft mit einem unausgesprochenen Vorwurf verbunden ist, desto leichter entsteht noch eine zweite Antwort:
Ich will davon nichts mehr hören.
Will ich nichts mehr mit zu tun haben klingt härter. Oft ist es jedoch die spätere Form derselben Erfahrung. Wer oft genug mit einer Aufgabe konfrontiert wird, für die er keinen erreichbaren Anfang und kein sichtbares Ende findet, schützt irgendwann nicht nur seinen Alltag. Er schützt auch sein Recht, nicht bei jeder Nachricht erneut als Person beurteilt zu werden.
Schon eine gut gemeinte Aufforderung kann dann Gegendruck auslösen. Martin merkt nur, dass er innerlich widerspricht, schneller wischt oder Gründe sammelt, weshalb nun wirklich andere zuständig sind.
Was im Hintergrund bleibt
Doch mit dem Weiterwischen verschwindet nicht alles.
Manchmal bleibt Sorge zurück. Manchmal Ärger, Traurigkeit oder ein schlechtes Gewissen. Vielleicht nur der leise Zweifel, ob Kann ich nichts machen tatsächlich die ganze Antwort ist.
Bei Martin war etwas davon in der kurzen Schwere vor dem Weiterwischen zu spüren. Der Eisbär war ihm nicht gleichgültig. Die Million bedrohten Arten auch nicht. Aber zwischen dieser Bedeutung und seinem Leben lag keine erkennbare Aufgabe, die weder lächerlich klein noch unmöglich groß erschien.
Das Weiterwischen löste diesen Widerspruch nicht. Es beendete nur den Augenblick, in dem Martin ihn bemerkte.
Deshalb kehren solche Nachrichten unangenehm zurück. Sie bringen nicht nur den Waldbrand, den Eisbären oder eine weitere Zahl mit. Sie berühren auch die alte offene Frage nach dem eigenen Anteil. Solange darauf eine tragfähige Antwort fehlt, kann Wegsehen wie die vernünftigste Möglichkeit wirken. Trotzdem bleibt dabei oft ein ungutes Gefühl.
Nicht jeder Mensch steht an derselben Stelle. Manche haben eine Aufgabe gefunden, die sie trägt. Manche handeln seit Jahren und sind müde davon, dass ihr Einsatz kaum gesehen wird. Andere lehnen bestimmte Forderungen ab. Wieder andere möchten etwas tun und wissen tatsächlich nicht, wo sie anfangen sollen.
Martins schnelle Antwort war nicht grundlos. Sie schützte ihn vor einer Aufgabe, für die er weder einen erreichbaren Anfang noch ein sichtbares Ende fand.
Aber sie beseitigte den Zweifel nicht, der beim Weiterwischen zurückblieb:
Kann ich wirklich nichts machen – oder habe ich aufgehört hinzusehen, weil jede mögliche Antwort zu klein, zu groß oder schon im Voraus falsch erschien?
Doch auch eine wieder geöffnete Frage wird nicht automatisch zur Handlung. Menschen können genau wissen, was sie tun möchten – und trotzdem etwas anderes tun.
Manchmal ist die Entfernung zwischen Vorsatz und Handlung nur eine Armlänge groß.